In der Ausgabe der Kronenzeitung vom 5. April 2012 fanden wir einen Kommentar des legendären \"Staberl\", alias Richard Nimmerrichter, zum Thema Müllverbrennung in Pitten. In diesem spricht er vom Floriani-Prinzip und darüber, dass \"nicht nur die Pittener, ....... unentwegt riesige Mengen von Mist produzieren. Aber was soll dann mit dem Mist, den jeder macht, aber keiner in seiner Nähe verbrennen lassen will, geschehen?\"

Nun, wir gehen davon aus, dass \"Staberl\" nicht wissen kann, dass hier nicht der Müll, den die Pittner produzieren, verbrannt werden soll, sondern fremder Hausmüll, woher auch immer. Dieser Müll muß nämlich importiert werden. Die ÖsterreicherInnen produzieren um 40% weniger Müll pro Jahr, als zum Betrieb der bestehenden Müllverbrennungsanlagen gebraucht wird. Durch die Profitgier skrupelloser Manager haben wir nahezu dopplelt so viele Verbrennungsanlagen als wir für unseren Müll brauchen!

\"Staberl\" meint, dass die Leute, die den Dreck produzieren, ihn auch in ihrer Nähe verbrennen sollten. Da stimmen wir ihm zu. Wir meinen auch, dass nicht Müll aus dem Ausland in Pitten verbrannt werden soll, sondern dort, wo er entsteht.

 

Wir haben deshalb auch ein Schreiben an \"Herrn Staberl\" geschickt:

Sehr geehrter Herr Nimmerrichter, 17. April 2012

 

Viele Jahre lang lesen wir Ihre so grandios formulierten „Staberl-Geschichten“ in der „Kronenzeitung“ mit Begeisterung. Wie oft haben Sie den Menschen aus der Seele gesprochen. Auch genießen wir es immer wieder, in Ihrem Buch „Oh, du mein Österreich“ zu lesen.

Nun haben wir in der Ausgabe der Kronenzeitung vom 5. April 2012 Ihren Beitrag zur geplanten Müllverbrennung der Firma Hamburger in Pitten gelesen und können diesen nicht unkommentiert lassen.

Das von Ihnen angesprochene Floriani-Prinzip mag für viele Bereiche zutreffen, zur geplanten Müllverbrennungsanlage in Pitten gibt es aber noch einiges mehr zu sagen. (Wir haben die 2.000 Seiten der Einreichunterlagen durchgearbeitet.)

1.

Die Errichtung einer Müllverbrennungsanlage zusätzlich zum bestehenden 30 Jahre alten Wirbelschichtkessel der Firma Hamburger (der trotz neuer Anlage weiter in Betrieb bleibt) ist aufgrund eines gültigen Bescheids der BH Neunkirchen vom 7.1.1992 untersagt. Die Behörde hatte damals dem Umstand Rechnung getragen, dass bereits 1991 Kronenverlichtungen und Vitalitätsschwächungen der Bäume auf dem Weißjackl festgestellt wurden. Die Errichtung einer Müllverbrennungsanlage dürfte also nicht einmal zur Diskussion stehen!

2.

Die geplante Anlage soll in einer engen Tallage mit Prallhang (Weißjackl) errichtet werden, in dem die Schadstoffe nicht abfließen können. Häufiges Inversionswetter im Winter führt zu einer Deckelung, die Schadstoffe bleiben über Wochen wie eine Glocke stehen und reichern sich täglich an.

Auch mit ausgewiesenen Landschaftsschutzgebieten und Naturparks (Seebenstein mit Naturdenkmälern, Türkensturz) ist eine Müllverbrennung ganz bestimmt nicht vereinbar.

Der Großteil der Schadstoffe geht nicht unmittelbar beim Schornstein als Immissionen nieder, sondern im Umkreis von 3 bis 5 km und je nach Windstärke auch darüber hinaus.

Viele sensible Bauten wie Schulen, Kindergärten, Genesungsheime (Mater Salvatoris), Altersheime (Scheiblingkirchen), die alle im Umkreis von 3 bis 5 km der geplanten Müllverbrennungsanlage liegen, sollten ebenso berücksichtigt werden, da das Immunsystem von Kindern und alten Menschen noch nicht bzw. nicht mehr voll funktioniert.

3.

Wie Sie dem österreichischen Todesursachen-Atlas 1998 bis 2004 entnehmen können, ist im Bezirk Neunkirchen die Sterblichkeit an Atemwegserkrankungen um 12,9% gestiegen und liegt um 12,1% höher als im Bundesdurchschnitt, die Krebssterblichkeit ist um 5,9% höher als in anderen Bezirken.

Die Gegenden um Graz und Wiener Neustadt zählen zu den mit Feinstaub am meisten belasteten Gebieten Österreichs. Feinstaub stellt eine enorm gesundheitlich schädliche Ansammlung von Giften dar.
Erlaubte Grenzwerte von Feinstaub waren damals 40 Mikrogramm/m3 (ab 2010 - 30 Mikrogramm/m3), der maximale Tagesmittelwert in Pitten liegt bei

137 Mikrogramm/m3.

Bei Stickoxyden ist die Situation noch dramatischer, es liegt bereits jetzt eine hohe gesundheitliche Belastung in Pitten vor.

(Quelle: Stellungnahme von 25 Medizinern und Pharmazeuten zur Errichtung der geplanten Müllverbrennungsanlage bei der mündlichen UVP Verhandlung im März 2009)

Wie viel will man der Bevölkerung von Pitten und Seebenstein noch zumuten?

4.

Die neu errichtete ASIA-Therme in Bad Erlach bekommt aufgrund der häufig vorherrschenden Westwinde die meisten Schadstoffe ab. Die geplante Müllverbrennung bedeutet nicht nur eine erhebliche Beeinträchtigung sondern wahrscheinlich auch den Niedergang der Therme, die u.a. mit mehr als € 25 Millionen Subvention (unser Steuergeld) durch das Land NÖ gebaut wurde, hunderte Arbeitsplätze schafft und einen dringend notwendigen Aufschwung für die gesamte Region bedeutet. Die Chance zur Entwicklung des sanften Tourismus in der Region wäre durch eine Müllverbrennung vertan.

5.

Die geplante Anlage verfügt über keine Rauchgaswäsche und entspricht nicht dem Stand der Technik.

In der Anlage sollen rund 51.700 t Müll pro Jahr verbrannt werden, eine Erweiterung der Kapazität ist bereits eingeplant. Rund 11.000 t sind eigener Abfall, mindestens 40.000 t pro Jahr sind fremder (Haus)Müll, der hier zwischengelagert und verbrannt werden soll. Angeliefert wird dieser Müll, eine stinkende Brutstätte für pathogene Keime, Ungeziefer und Ratten, rund um die Uhr von Montag bis Samstag ausschließlich per LKW, obwohl Hamburger über einen eigenen Gleisanschluss verfügt. Der bereits heute unerträgliche LKW Verkehr – täglich bis zu 400 Fahrten – und die damit verbundene Lärm- und Feinstaubbelastung werden sich verdoppeln.

6.

Die geplante Müllverbrennung würde lediglich die Energiekosten der Firma Hamburger um 6% reduzieren, ist also sicher nicht als wirtschaftlich zu bezeichnen. Dass dadurch Arbeitsplätze gesichert werden, wie uns Hamburger glauben machen will, ist schlicht absurd. Bei Bilanzgewinnen von rund € 50 Mio. sollten Arbeitsplätze auch gar nicht gefährdet sein!

7.

„Wirtschaftlich“, besser gesagt, äußerst lukrativ ist allerdings das von Hamburger bereits seit 30 Jahren beabsichtigte Geschäft mit dem Müll. Hamburger hat deshalb eine 100% Tochter ins Leben gerufen, die \"Hamburger Recycling GmbH\", mit dem Firmenzweck „Handel mit und Behandlung von Abfall, thermische Entsorgung von Abfall zur Energiegewinnung“. Man will sogar Energie an die EVN zur Erzeugung von Fernwärme liefern!

Wenn also Hamburger mit der neuen Müllverbrennungsanlage die eigenen Energiekosten um lediglich 6% reduzieren kann, womit will sie dann überschüssige Energie in das Netz der EVN einspeisen?

Vielleicht ist eine Rückstellung in der Bilanz von € 1,4 Mio. für den Ankauf von CO2 Zertifikaten, um noch mehr Müll verbrennen zu dürfen, eine Erklärung dafür?

Hamburger will kein kleines harmloses „Ersatzbrennstoffkesselchen“ zur Verbrennung des Eigenmülls errichten, sondern eine riesige Müllverbrennungsanlage, um das große Geschäft zu machen. Hamburger will nicht für die Entsorgung des eigenen Mülls bezahlen, sondern viel Geld für die Verbrennung von Fremdmüll kassieren! Dabei könnte die Firma für die geschätzte Investitionssumme von € 45 Mio. sehr lange die jährlich anfallenden 11.000 t Eigenmüll von einer großen, technisch bestens ausgerüsteten Anlage in Österreich verbrennen lassen.

Dies wäre vielleicht sogar das bessere Geschäft, denn die Zeiten der astronomischen Gewinne durch Müllverbrennung sind vermutlich bald vorbei.

8.

Verursacht durch die Profitgier von Managern und Politikern wurden in den letzten Jahrzehnten in Österreich (auch in Deutschland ist die Situation ähnlich) unzählige Müllverbrennungsanlagen errichtet. Daraus resultiert eine 40% Überkapazität von Verbrennungsanlagen gegenüber dem in Österreich anfallenden Müll! Den Betreibern von Müllverbrennungsanlagen ist nun buchstäblich „der Dreck ausgegangen“. Um die Anlagen betreiben zu können, muss also Müll aus dem Ausland importiert werden! Neapel gibt sicher gerne (schwer kontaminierten) Müll ab ……

Hamburger versichert, nur Müll von österreichischen Firmen zu kaufen. Klar, er kauft ja von seiner Tochterfirma Hamburger Recycling GmbH. Wo diese wiederum den Dreck herbekommt, steht in den Sternen …..

Selbst große Anlagen wie z.B. Dürnrohr, die vor nicht allzu langer Zeit um eine Verbrennungslinie erweitert wurde, verfügen nicht mehr über ausreichend Müll um die Anlage unter Volllast zu betreiben.

Das sind nur einige Gründe, warum wir seit nunmehr 6 Jahren gegen die Errichtung dieser Müllverbrennungsanlage kämpfen, die erstens nicht erlaubt ist und zweitens auch nicht notwendig ist. Sie dient allein der Gewinnoptimierung der Firma Hamburger.

Wir sind kein Haufen von Protestierern, die gegen alles sind, wir stehen für eine sinnvolle Symbiose von Wirtschaft und Umwelt. Wir lassen aber nicht zu, dass unser Lebensraum durch die Profitgier skrupelloser Manager und Politiker zerstört wird.

Den „Behördenkrimi“, den wir in sechs Jahren Kampf gegen die Müllverbrennung erlebt haben, wie die Vertreter der zuständigen Behörden mit den Menschen umspringen, bringt uns Heinrich Heine wieder in Erinnerung: VERTRAUET EUREM MAGISTRAT …. EUCH ZIEMT ES , STETS DAS MAUL ZU HALTEN.

Wir werden dieses nicht tun!

Vielleicht sollten sich die zuständigen Politiker wieder einmal den römischen Satz

SALUS PUBLICA SUPREMA LEX ins Gedächtnis rufen, der ihnen die Verantwortung auferlegt, nicht den Interessen von Partei oder (Partei)Freunden, Interessengruppen oder Bewegungen verpflichtet zu sein, sondern dem Volk als Ganzem, also dem Gemeinwohl.

Brigitta Moraw, Sprecherin der Bürgerinitiative Pro Seebenstein, Sauternerstrasse 83, 2824 Seebenstein,